Die Architektur der Sehnsucht: Warum wir das Diktat der „einen wahren Liebe“ hinterfragen müssen

Gemütlich im Kaffee meiner Stadt sitzend, die Menschen um mich herum beobachtend, komme ich nicht umhin mich zu fragen: Ist das Bild der „einen wahren Liebe“ nichts als gut funktionierende, patriarchale Propaganda?
Man beobachtet Paare, hört Gesprächsfetzen über Dating-App-Enttäuschungen und spürt diesen subtilen, aber konstanten Druck, der über unserer Gesellschaft liegt: Die Annahme, dass das Leben erst durch ein Gegenüber vervollständigt wird. Dass das Finden des einen, Seelenverwandten der eigentliche Zielpunkt unserer Existenz sei.
Erst kürzlich war ich berufstechnisch in einer Gruppe teils eher konservativer Frauen unterwegs. Wir sprachen über Lieblingsfilme, und natürlich fielen klassische Liebesfilme – Geschichten von grosser Romantik und dem Erreichen des „Happy Ends“ in Form der Ehe. Als ich an der Reihe war und keinen Lieblings-Liebesfilm hatte, erntete ich einige ungläubige Blicke. Un in diesen Blicken lag mehr als nur Erstaunen über einen Filmgeschmack. Es war die irritation darüber, dass eine Frau die klassische Romantik-Erzählung nicht als ihr persönliches Sehnsuchts-Script adaptiert hat. Wer das romantische Narrativ verweigert, gilt schnell als zynisch, kühler oder repariert. Oder als eine, die halt einfach keinen abkriegt. Doch die Verweigerung ist kein Mangel an Gefühl, Empathie oder dem Wunsch nach Verbindung und Nähe – sie ist eine Absage an eine Struktur, die uns oft mehr nimmt, als sie uns gibt.
Wenn selbst die Hexen dem Beziehungszwang weichen
Wie tief dieses Narrativ selbst in Räume einsickert, die eigentlich der weiblichen Selbstbestimmung gehören sollten, zeigt die Populärkultur. Vor kurzem kam der neue Practical Magic-Film in die Kinos. Voller Vorfreude schaute ich mir den zweiten Teil an, weil der erste damals so sehr mit mir resonierte – und dann war ich leider absolut enttäuscht. Nichts vom Vibe des ersten Filmes war wiederzufinden, und die Charaktere hatten leider auch keine Weiterentwicklung gehabt.
Practical Magic war schon immer ein Film über – ja, Hexen –, aber vor allem über Schwesternschaft und über selbstbestimmte Frauen. Im zweiten Teil geht es jedoch wieder viel mehr um Männer. Sally bekommt schon wieder einen neuen ab, weil sie ja nicht ohne sein sollte; ihre Schwester Gillian geht wieder leer aus. Und die Töchter? Obwohl nochmals klar betont wird, dass es kein stärkere Band als Schwesternschaft gibt, sind die beiden kaum zusammen in einer Szene zu sehen. Denn während die eine Tochter auf Abenteuerreise geht, um ihren Boyfriend zu retten, bleibt die andere Schwester – die übrigens im Buch lesbisch ist und somit die einzige der Familie, die dem Fluch gar nicht unterliegen würde – beim Boyfriend der Schwester im Spital und hat kaum nennenswerte Szenen.
Von der Faulheit, sich in diesem Film gar nicht erst mit magischer Symbolik und Tradition zu befassen, will ich gar nicht reden; „Zauberszenen“ waren schlichtweg billig gemacht. Und es tut mir ehrlich leid das so direkt zu sagen, denn ich liebe die Welt der Owens Schwestern und ich finde die Schauspielerinne auch sehr passend gewählt nur ja, eben. Mit Abstand das beste des zweiten Teils waren für mich die beiden Tanten, die sich auch in diesem Film treu geblieben sind.
Was hier im Kleinen passiert, ist keine Seltenheit, sondern exemplarisch für das grosse Ganze: Sobald eine Erzählung das Potenzial hat, weibliche Bünde, tiefes Vertrauen unter Schwestern, eigene Magie und Autonomie ins Zentrum zu stellen, greift die popkulturelle Korrektur. Das Kollektiv wird zerpflückt, um Raum zu machen für die heteronormative Rettung durch oder für den Mann, der dann doch immer wieder eine Art Zentrum der Frauenwelt bildet.
Der Mythos als Werkzeug der Isolation
Warum ist dieses Schema so hartnäckig? Weil die Idee der „einen wahren Liebe“ historisch betrachtet eine doppelte Funktion erfüllt. Einerseits gibt sie uns Halt in einer chaotischen Welt. Andererseits isoliert sie uns.
Wenn der Mythos diktiert, dass eine Person all unsere Bedürfnisse erfüllen muss – bester Freund, leidenschaftlicher Liebhaber, Wirtschaftspartner, emotionaler Anker und Care-Garant –, wird die Kleinfamilie oder die Zweierbeziehung zur einzigen legitimierten Bastion des Glücks erklärt. Das schwächt Frauenkreise, entwertet Wahlverwandtschaften und drängt uns in eine Abhängigkeit, in der eigene Grenzen und Wünsche oft der „Liebe“ wegen geopfert werden.
Natürlich ist unsere Gesellschaft komplex, und auch hinter dem Konzept der „einen wahren Liebe“ verbirgt sich mehr als ein bisschen Propaganda. Dieses Bild hat sich über Jahrhunderte in unsere Glaubenssätze eingeprägt, sodass es sich für uns als das Natürliche anfühlt.
Es ist verwoben mit unserer tiefen, Ur-menschlichen Sehnsucht nach Gesehenwerden, Intimität und Resonanz. Doch der Unterschied zwischen echter, freier Verbindung auf Augenhöhe und dem romantischen Mythos liegt in der Handlungsmacht: Wahre Liebe verlangt keine Selbstaufgabe für ein vorgefertigtes Drehbuch. Sie braucht zwei ganze Menschen, die sich entscheiden, einen gemeinsamen Raum zu kreieren – ohne dass einer von beiden darin seine eigene Magie vergessen muss.




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