Von Practical Magic und dem Privileg alternativer Lebensweisen
“My darling girl, when are you going to realize that being normal is not necessarily a virtue? It rather denotes a lack of courage.” ~ Aunt Frances, Practical Magic
Aus gegebenem Anlass (Practical Magic 2 ist in den Kinos) möchte ich heute ein Thema aufgreifen, das mir sehr am Herzen liegt. Passend als Einleitung teile ich gerne dieses Zitat aus Alice Hoffmans Buch und dem gleichnamigen Film Practical Magic, welches mich schon seit vielen Jahren begleitet.
Selbst seit mehreren Jahrzehnten auf alternativen Lebenspfaden unterwegs, habe ich mich schon sehr oft und intensiv mit Fragen rund um Authentizität und Gemeinschaft befasst. Wir alle werden in eine Gesellschaft hineingeboren, in der es sowohl implizite als auch explizite Regeln und Lebensweisen gibt, die als Norm gelten. Viele davon sind sinnvoll und hilfreich, andere sind es eher nicht.
Das Problem dabei? Wenn wir nie lernen, diese Normen zu hinterfragen, können wir auch keine Wege finden, die wirklich zu uns passen. Natürlich heisst das nicht, dass jede:r ein alternatives Leben führen muss – für viele passt das Vorgegebene wunderbar, und das ist vollkommen in Ordnung. Doch es passt eben nicht für alle.
Und da frage ich mich: Wie viel unserer sogenannten Normtreue ist eigentlich echte Überzeugung, wie viel ist die Angst vor dem Ausschluss – und wie viel ist schlicht das fehlende Wissen darüber, dass die Welt noch ganz andere Wege bereithält?
Anders als Aunt Frances es formuliert, ist das Festhalten an der Norm meiner Meinung nach nicht zwingend Mangel an Mut (wobei das selbstverständlich auch der Fall sein kann). Obschon wir, um eine Wahl treffen zu können, durchaus erst einmal das Bewusstsein haben müssen, dass Alternativen existieren – brauchen wir ebenso die Freiheit, sie auch tatsächlich greifen zu können. Genau hier kommen Privilegien ins Spiel. Privilegien, derer wir uns meist gar nicht bewusst sind, wenn wir sie besitzen: Der Zugang zu anderen Lebensentwürfen, zu Repräsentation und zu Räumen, in denen das Denken ausserhalb der Norm überhaupt sichtbar und erlaubt ist. Und nicht zuletzt die sozioökonomische Sicherheit, die es uns erlaubt, das Risiko eines unkonventionellen Weges überhaupt einzugehen.
Wenn wir den Blick historisch oder mythologisch schärfen – auf das Narrativ der Hexen und Heiler:innen, die schon immer abseits der ausgetretenen Pfade wandelten –, sehen wir ein interessantes Muster: Aussenseiter:innen lebten zwar oft am Rand der Gesellschaft, aber sie taten es selten aus blosser Selbstdarstellung. Sie hatten eine Aufgabe. Sie bewahrten Wissen, begleiteten Schwellenübergänge und hielten Räume offen, die im strukturierten Dorfleben keinen Platz fanden. Sie nutzten ihre Unabhängigkeit nicht nur für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft.
Und genau darin liegt die eigentliche Verantwortung, wenn wir Privilegien besitzen: Privilegiert zu sein ist kein Freifahrtschein für Selbstreferenzialität. Wer die Freiheit, die Sicherheit und die Ressourcen hat, alternative Wege zu gehen, trägt auch die Verantwortung, Türen aufzuhalten. Es geht darum, Wege sichtbar zu machen, Barrieren abzubauen und Räume zu kreieren, in denen auch andere die Möglichkeit bekommen, überhaupt erst echte Entscheidungen für sich zu treffen.
Vielleicht ist das die wahre Magie, die uns Figuren wie Aunt Frances eigentlich lehren können – wenn wir sie durch eine moderne, mitfühlende Brille betrachten: Es geht nicht darum, sich über die Norm zu erheben oder Anpassung abzuwerten. Es geht darum, die eigenen Handlungsspielräume mutig zu nutzen. Nicht um allein im Scheinwerferlicht zu stehen, sondern um das Licht so zu teilen, dass auch andere ihren ganz eigenen Weg im Dunkeln finden können. Und am Ende ist vielleicht genau das die schönste Form moderner Alchemie.





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